Zum Tode von Prof. Dr. Siegfried Vierzig – ein Nachruf

(04.06.2020)

Prof. Dr. Siegfried Vierzig, einer der innovativsten Vertreter der deutschen Religionspädagogik der siebziger und achtziger Jahre ist am 24.5.2020 im hohen Alter von 96 Jahren verstorben.

Aufgewachsen in einem religiös abstinenten großbürgerlichen Elternhaus in Masuren, gehörte Vierzig zu jenem Teil der Kriegsgeneration, die am Ende nicht nur mit leeren Händen dastand, sondern auch nach Orientierung und Neubeginn suchten. 

Sein Neubeginn bestand nach der Kriegsgefangenschaft, wenn auch eher zufällig, im Studium der Evangelischen Theologe, u. a. bei den berühmten Neutestamentlern Rudolf Bultmann und Ernst Käsemann. Die "historisch-kritische Exegese" des Oldenburgers Rudolf Bultmann, die die christlichen Mythosbestände auf den wissenschaftlichen Prüfstand stellte, aus existentieller Perspektive neu interpretierte und so zu einem befreienden und befreiten Umgang mit biblischen Texten führte, faszinierten Siegfried Vierzig. Sein erstes Buch als späterer Religionspädagoge widmete er deshalb wohl auch dem Markus-Evangelium.
 
Ende der sechziger Jahre, nach vielen Jahren im Pfarramt, wurde er zum Leiter des in Kassel neu gegründeten Pädagogisch-Theologischen-Instituts berufen. Die Debatten um den damals wegen massenhafter Schüleraustritte in die Krise geratenen Religionsunterricht und der unmittelbaren Not der Religionslehrer in der Praxis, ließen ihn in diese Debatten eingreifen und durch Erarbeitung von Unterrichtsmodellen Alternativen anbieten. Ihm ging es dabei um eine religiöse Bildung, die in der Bibel nicht nur eine unreflektierte Norm sah, sondern aktuelle Lebensprobleme im Lichte dieser Texte zur Sprache kommen lassen sollte.

Damit verbunden war eine Grundposition, die Religion nicht von Autoritäten und Institutionen her interpretierte, sondern als ein Phänomen sah, durch das sich Menschen emanzipieren können, das Freiheits- und Befreiungspotential besitzt.
 
In seinem Hauptwerk von 1975 "Religionsunterricht und Ideologiekritik" hob er deshalb die gesellschaftskritische Funktion von Religion hervor und verband sie auf der pädagogischen und didaktischen Ebene mit der Aufgabe der Schule, Menschen zu kommunikationsfähigen Wesen zu erziehen. Vierzig hatte schon in den siebziger Jahren mit seinem katholischen Kollegen Hubertus Halbfas ein konfessionsübergreifendes Curriculum vorgelegt. Er kann als Vorläufer zur Überwindung einer konfessionsgebundenen Bildung hin zu einer allgemeinen religiösen Bildung gesehen werden.
 
1974 wurde Vierzig auf den Lehrstuhl für Religionspädagogik an der neu gegründeten Carl von Ossietzky-Universität in Oldenburg berufen. Hier hatte er seine konzeptionellen Vorstellungen im Rahmen der Einphasigen Lehrerausbildung mit ihrer emanzipationsorientierten engen Verzahnung von Theorie und Praxis solange verbinden können, bis der Modellversuch von der Landesregierung eingestellt wurde.

Neben seinen didaktischen Arbeiten (u.a. projektorientieren Unterrichtsmodellen), widmete sich Vierzig in den Jahren seiner Professur der Narzissmusproblematik und der feministischen Theologie. Er wurde 1991 emiritiert.  In den Jahren des Alters hat er, die feministische Theologie aufnehmend, religionswissenschaftlich weiter gearbeitet. Insbesondere Arbeiten zur "Renaissance des Weiblichen in der Religion" und zu "Kult und Religion der frühen Menschheitsgeschichte" sind hier zu nennen.
 
Siegfried Vierzig steht in der Nachkriegsgeschichte der deutschen Religionspädagogik für ihre Aufbrüche und Neuorientierungen. Seine Verdienste um eine religiöse Bildung in der öffentlichen Schule gehen weit über den konfessionsgebundenen Religionsunterricht hinaus und werden künftig sicher neu zur Geltung kommen.

 
Jürgen Heumann