"Mehrsprachigkeit ist ein Glücksfall, kein Störfall"

(09.12.2014)

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Die CSU hat zum Parteitag in dieser Woche gefordert, dass für Migranten eine Deutschpflicht in den eigenen vier Wänden gelten soll. Nach heftigen Protesten - auch innerhalb der CSU - soll der umstrittene Antrag noch abgeändert werden. Die renommierte Mehrsprachigeitsforscherin Prof. Dr. Rosemarie Tracy erläutert, warum die geforderte Deutschpflicht aus wissenschaftlicher Sicht fragwürdig ist.

"Mehrsprachigkeit ist in einer globalisierten Welt eine bedeutende Ressource", erklärt Prof. Dr. Rosemarie Tracy, Inhaberin des Lehrstuhls für Anglistische Sprachwissenschaft der Universität Mannheim. "In unserer Gesellschaft wird sie häufig als Störfall wahrgenommen, nicht zuletzt weil sie von Politik und Medien so dargestellt wird und weil es den Zuwanderersprachen, anders als den im Schulsystem anerkannten Fremdsprachen, an Prestige fehlt. Dabei ist Mehrsprachigkeit, weltweit betrachtet, der Normalfall und idealerweise ein individueller Gewinn, also ein Glücksfall." Auch wenn das Erlernen der deutschen Sprache unabdingbar sei, um in unserer Gesellschaft partizipieren zu können, sollten Migranten deshalb zuhause ihre Muttersprache beibehalten und pflegen. Die Initiative der CSU zeige einmal mehr, wie groß die Bildungslücken auf Seiten der Politik bezüglich der Rahmenbedingungen von erfolgreichem Spracherwerb immer noch sind.

"Eltern sollten sich darauf konzentrieren, ihr Kind durch anregende Gespräche und Spaß an der Kommunikation in der Sprache zu fördern, die sie selber gut beherrschen," sagt Tracy. "So kann man vermeiden, dass sich Kinder aufgrund sprachlich unzulänglicher Vorbilder ungrammatische Strukturen aneignen, die sie sich später wieder abgewöhnen müssen." Kinder mit anderen Erstsprachen als Deutsch sollten idealerweise möglichst früh in einer Krippe oder Kita in intensiven Kontakt mit pädagogischen Fachkräften kommen, die gelernt haben, wie man Kinder beim frühen Zweitspracherwerb unterstützen kann, bekräftigt Tracy. "Viele Fachkräfte haben sich in den letzten Jahren die dafür nötige Kompetenz angeeignet. Dennoch fehlt es in der Praxis immer noch an den Rahmenbedingungen, um Sprachfördermaßnahmen, die diesen Namen auch verdienen, in frühpädagogischen Einrichtungen zu implementieren, u.a. an der Gelegenheit, mit Kindern in kleinen Gruppen oder auch einmal allein über mehrere Äußerungen hinweg Gespräche zu führen."

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